Heute schon 30 geworden?

Du willst schreiben? Na klar! Wir suchen einen Kolumnisten für ZeitCampus. Perfekt, denke ich, von Studenten für Studenten, das gefällt. Du solltest aber unter 30 sein …

Als ob das Gefühl, über Nacht 10 Jahre zu altern, nicht ausreichen würde!

Man ist so jung, wie man sich fühlt? Wem soll ich das noch glauben? Nicht nur die Familie erwartet einen sicheren Job bis ins Rentenalter, den Ehering am Finger und Spielkameraden für Kinder meiner Grundschulfreunde. Auch das BAföG-Amt geht davon aus, dass man ab 30 für Bildung zu alt ist und eigentlich Besseres zu tun haben müsste.

Ich könnte mich nicht einmal mehr bei Castingshows bewerben! Nicht, dass ich mich drum reißen würde … Auch nicht aufgrund meines fehlenden Talents – dort kein Problem. Vielmehr, weil die magische Altersgrenze erreicht ist!
Sogar bei Haushaltsumfragen wird man in eine neue Schublade gepackt: Sind Sie unter 18, zwischen 19 und 29, oder ab 30? Dabei habe ich mit 29 auch nicht anders eingekauft als heute. Zumindest kann ich froh sein, dort noch teilnehmen zu dürfen. Die Bahn sieht das anders! Das ermäßigte Sommerticket gilt nur unter 30, und in Museen Barcelonas ist auch mit entsprechendem Schülerausweis nichts mehr zu machen. Ist Dir bewusst, dass diese Zahlenbeschränktheit in der Grundschule anerzogen wird? Dort lernt man das Einmaleins auch nur bis 20.

Die Zeiten ausgiebiger Shoppingtouren durch schwedische Modehäuser werden übrigens von Katalogbestellungen abgelöst, anregende Gespräche im Café durch Kaffeekränzchen in der neu gekauften Küche des Eigenheims und lustige Treffen in der Studentenkneipe enden am Stammtisch morgens um halb zehn. Vorglühen ab der Drittlife-Crisis. So jedenfalls im Gutdünken der Allgemeinheit.

Auch die Krankenkasse ist überzeugt, dass ich über Nacht horrende Krankheiten zu vermelden habe. Gleich über 1.000 Euro jährlich ist meine Gesundheit nun teurer. Dabei habe ich nicht einmal graue Haare an mir entdeckt. Wie sollte ich mir jetzt noch eine anständige Haarfarbe leisten können? Aber auch schon Kafka hat es geahnt, als er K. das Lebensende an dessen 30. Geburtstag vorzeichnete.
Hier stellt sich mir dann eine philosophische Frage: Bin ich ein älterer Mensch, nur weil ich früher geboren wurde?

Ein Mensch der Dreißigerklasse, der nirgends dazuzugehören scheint oder wahlweise auch sich selbst gehört. Dabei konnte mir bisher keiner plausibel erklären: Warum? Irgendwo müsse nun einmal die Grenze gezogen werden. Mit dieser Aussage machen es sich viele Leute bequem. Verständlicher wäre „keine Langzeitstudenten und Kücheneigentümer“ als Begründung zu liefern, oder auch „kein Stammtischler“. Klingt nach Diskriminierung? Aber nur ein bisschen.

Jung und dynamisch mit 29, das Tauziehen mit dem Ernst des Lebens verloren mit 30. Die Muskeln werden gebrechlich und die Knochen schlaff. Wie man merkt, verliert auch das Hirn an Leistung. 30 ist Halbzeit, möchte man meinen. Aber nicht einmal beim Fußball trifft das zu. Dabei dachte ich, das Fältchen am Auge käme vom Lachen.


August 2010 | Sirpa K. Weiler
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